Heroische Intervention: Die GW-Renaissance

Kaum ein anderes Unternehmen polarisiert in der Tabletop-Branche wie Games Workshop. Höchste Zeit, da einmal genauer hinzuschauen.

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Da es hier um ganz persönliche Ansichten rund um das schönste Hobby der Welt geht, erheben wir natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, Objektivität und Gemeingültigkeit. Ihr seid gewarnt! (Anm. der Redaktion)

Wer sich mit Wargaming und Miniaturenspielen auseinandersetzt, ist früher oder später auch einmal mit dem Unternehmen aus Nottingham in Berührung gekommen. Für einen Großteil aller Spieler im Hobby war Games Workshop (GW) lange Zeit der Inbegriff der Miniaturenkriegsspiele.

Doch schon seit Jahren mehren sich die Kritiker – „zu teuer“, meinen die einen, „zu unkreativ“, die anderen. Bei manchen Hobbyisten fußt das Urteil nicht einmal nur auf konkret benennbaren Gründen, es ist vielmehr auch der Standpunkt, das Unternehmen habe jeglichen Vertrauensvorschuss längst verspielt. Einig sind sich viele jedoch in einem Punkt: Früher war alles besser. Spätestens bei dieser Aussage schnellen meine Augenbrauen in die Höhe. Ist das wirklich zutreffend?

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Die Wurzel allen Übels

Die Antwort nach dem Warum variiert: Eingestellte Armeen und Spielsysteme sind die häufigsten Gründe. Preispolitik und Einsteigerunfreundlichkeit fallen oft als weitere Gründe. Sind erst einmal diese Punkte genannt, folgt haufenweise Kritik an zu simplen Regelsystemen oder der pubertären Ausrichtung in Hintergrund und Kommunikation. Ein Berg an Kritik also, den das Unternehmen sicherlich nicht ignorieren kann. Sollte man meinen.

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Doch nennen wir den Elefanten im Raum beim Namen: Spätestens das Ende des alteingesessenen Warhammer Fantasy Battles (WHFB)-Systems war für viele Hobbyisten der letzte Sargnagel. Diesem Ground Zero folgten Aufschrei und Hobby-Exodus in Ausmaßen, die zumindest mir nach 20 Jahren im Tabletop-Bereich völlig neu waren. Verwundert war ich über die Reaktion nicht – immerhin stehen auch in meiner Vitrine (und in zahlreichen Schubladen) Modelle des Systems. Die extremen Ausmaße (Armeeverbrennung mag dem einen oder anderem in den Sinn kommen) waren allerdings selbst für die Emotions-Sinuskurve der Games Workshop-Jünger neu.

Während WHFB-Versehrte den Weltuntergang ausriefen, bangte die 40K-Spielerschaft um das zweite Kernsystem des Herstellers. Wann würden sie mit den „End Times“ im 40. Jahrtausend rechnen müssen?

Games Workshop_The Horus Heresy Betrayal at Calth 3

Ein Unternehmen – zwei Gesichter

Kurz nachdem die Apokalypse über Fantasy-Enthusiasten hereinbrach, erlebte der Science-Fantasy-Zweig das komplette Gegenteil: Mit „Horus Heresy: Betrayal at Calth“ lieferte GW den Fans das, was sich gerade die Veteranen schon lange wünschten. Zahlreiche Modelle der sogenannten 30K-Reihe, bislang nur in der teuren Resin-Variante beim Tochterunternehmen Forge World erhältlich, erschienen zum ansprechenden Preis in Plastik. Die Ambivalenz zwischen Fan-Ignoranz und Fan-Service wuchs weiter: Anfang 2016 erschienen die Start Collecting-Boxen mit erstaunlichen Preisnachlässen. Wer zu dem Zeitpunkt bereits einen Fehler in der Matrix vermutete, musste wenige Monate später unweigerlich vermuten, dass die Hölle wohl zugefroren sei. Denn mit der Deathwatch-Box und einem darauffolgenden Codex ließ der Wargaming-Veteran die Symbiontenkulte, ein lang herbeigesehntes Relikt aus den 90er Jahren des Hobbys, wiederaufleben.

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Derweil versank der Fantasy-Teil der Community im Chaos. Age of Sigmar-Befürworter und Gegner lieferten sich erbitterte Grabenkriege in Foren, Clubs und Läden weltweit. Eines der größten und ältesten Internetforen für Warhammer-Fans, Warseer, zerfleischte sich fast vollends durch den Keil in der Community. Schlimmer noch, die mit AoS gelieferten Regeln für die bestehenden Modelle hinterließen einen faden Beigeschmack und riefen zu absurden Aktionen rund um den Spieltisch auf. Für Munchkin-Spieler waren diese sicherlich nicht außergewöhnlich, für GrimDark-Hobbyisten jedoch zu albern.

Alles neu macht…die Geschäftsführung

Die Information, dass Tom Kirby den Posten des Geschäftsführers räumte und Kevin Rountree 2015 die Nachfolge antrat, ist an vielen Community-Mitgliedern nicht unbemerkt vorbeigegangen. Ganz im Gegenteil: Der Wechsel an der Spitze des Unternehmens wurde von vielen als Zeichen der Hoffnung gesehen. Rountree scheint den erhofften frischen Wind auch in der Tat mitzubringen. In den vergangenen Monaten gab es einige personelle Veränderungen, die bereits hoffen ließen. Dieses Jahr sehen wir erste Ergebnisse des Umschwungs.

Die Marketingbemühungen mit zeitgemäßen Mitteln hatten in diesem Ausmaß allerdings die wenigsten erwartet. Seit einigen Monaten steht Games Workshop seiner Spielerschaft wieder via Social Media Rede und Antwort. Der eigene YouTube-Kanal, zuvor für erste Malvideos genutzt, liefert nun nicht nur Teaser für kommende Produkte, sondern reagierte vor Kurzem in geschickten Schachzügen auf Internet-Leaks. Da erste Bilder der gerade erschienenen Horus Heresy: The Burning of Prospero-Box im Netz die Runde machten, entschied sich Warhammer TV dazu, mit einem Augenzwinkern zu demonstrieren, dass auch GW noch die eine oder andere Überraschung in petto hat – und enthüllte kurzerhand das neue Khârn-Modell.

Gleiches demonstrierten sie vor einigen Wochen erneut: In einem humorigen Video enthüllte das Social Media-Team den Dämonen-Primarchen Magnus, nachdem dieser nur Stunden zuvor als verwackeltes Foto der Verpackung im Netz aufgetaucht war. Sowohl der Marketing-Mensch als auch der Fan in mir sind begeistert!

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Derweil bei Age of Sigmar

Die neue Ausrichtung des Unternehmens zeigt auch auf der Fantasy-Seite Wirkung. Hartgesottene Fans der Alten Welt mögen dies zwar weiterhin verneinen, tatsächlich steckte Games Workshop jedoch einen Großteil seiner Ressourcen des vergangenen Jahres in das neue System. Neben den vielen neuen Miniaturen, darunter Sylvaneth, Fyreslayers, Ironjawz und Stormcast, erhielten Spieler eine sich weiterentwickelnde Story, eine Sommerkampagne, das neue Warhammer Quest – Silver Tower und nicht zuletzt die Möglichkeit, als Community an Welt und Regelwerk mitzuwirken. Denn was vielen Gegnern verborgen zu bleiben scheint: Das im Sommer 2016 veröffentlichte General’s Compendium entstammt nicht nur der Feder des GW Design Studios. Tatsächlich waren einige der größten externen Event-Organisatoren und Hobbyisten der AoS-Szene an den drei angebotenen Spielweisen und insbesondere dem Punktesystem beteiligt. Für die FAQs forderte das Design-Studio mehrfach Spieler-Feedback ein, welches sie ebenfalls prompt umsetzten.

Games Workshop_Warhammer Age of Sigmar Start Collecting! Sylvaneth 2Games Workshop_Warhammer Age of Sigmar Start Collecting! Stormcast Eternals 2Games Workshop_Warhammer Age of Sigmar Start Collecting! Ironjawz 2

Natürlich lief bei weitem nicht alles unproblematisch ab, immerhin endete die offizielle Unterstützung für die Miniaturenreihen der Bretonen und Gruftkönige. Einen Grund, die bestehende Armee zu verkaufen oder gar im Wahn zu verbrennen, gibt es jedoch nicht – denn die Regeln für beide Armeen stehen bisherigen Spielern weiterhin zur Verfügung.

Quo Vadis?

Das Unfassbare geschieht: Die Spielerschaft kehrt zurück. Nachdem in den letzten Jahren wieder und wieder langjährige Fans dem Unternehmen und seinen Spielen den Rücken kehrten, lesen wir nun von der schleichenden Rückkehr der Langzeit-Abstinenten. Natürlich besteht weiterhin Misstrauen bei vielen Versehrten des WHFB-Ragnaröks. Völlig zu Recht, denn zumindest das Ende des etablierten Settings war nicht zwingend erforderlich, aus Marketing-Sicht sogar eine hochgradig fragwürdige Entscheidung. Das Für und Wieder dieser Handhabe will sich mir nur bedingt erschließen. Aber vielleicht ist der Miniaturenhersteller aus Nottingham in seiner neuen Offenheit demnächst bereit, einen Einblick in diese Entscheidung zu geben?

Games Workshop_Blood Bowl Blood Bowl & Death Zone Season One (Deutsch) 1

Auch andere Kritikpunkte sind aktuell nicht von der Hand zu weisen: Die teils angestaubten Spielsysteme und hohen Preise bieten weiterhin Angriffsfläche für altgediente Kritikerveteranen.

Aktuell steuern wir jedoch scheinbar auf ein neues Goldenes Zeitalter des Tabletop-Herstellers zu. Verfechter der „Früher war alles besser“-Mentalität müssen sich demnach in Acht nehmen. Denn die Förderung der Community kommt bei Langbärten und Neulingen gut an. Das Wiederaufleben alter Systeme wie Blood Bowl, neue Preisstrategien, neuer digitaler Content durch Apps und Social Media und ein Ohr für die Wünsche der Zielgruppe tragen bereits erste Früchte.

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Ist Kevin Rountree der Erlöser des strauchelnden Unternehmens? Klar beantworten lässt sich die Frage nicht – viele der Miniaturenreihen benötigen Jahre der Vorbereitungszeit, müssen also schon zu Kirbys Zeiten in Planung gewesen sein. Doch ganz gleich, wer nun verantwortlich für die neue Ausrichtung ist: Setzt GW den aktuellen Trend fort, können sich Fans und Warhammer-Heimkehrer auf eine Hobby-Renaissance des Branchenprimus freuen. Eine Entwicklung, die noch vor einem Jahr niemand erwartet hätte. Respekt, Games Workshop, Respekt!

 

Soviel aus meiner Sicht – wie seht Ihr die Entwicklung von Games Workshop? Diskutiert mit mir/uns in den Kommentaren – bitte achtet dabei auf einen sachlichen und freundlichen Tonfall!

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Über BK-Mark

Passionierter Maler und Hobby-Veteran aus den bunten 90ern. Neben 40K, der ersten großen Liebe, heutzutage Infinity-begeistert und Teilzeit X-Wing-Pilot, der die Hobby-Aspekte oftmals dem Spielen vorzieht.
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