Heroische Intervention: Kickstarter und kein Ende

Da es hier um ganz persönliche Ansichten rund um das schönste Hobby der Welt geht, erheben wir natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, Objektivität und Gemeingültigkeit. Ihr seid gewarnt! (Anm. der Redaktion)

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Was ist das eigentlich, dieser ominöse Kickstarter, von dem immer alle reden? Nun, noch vor einem oder zwei Jahren hätte man wohl in etwa so geantwortet: “Kickstarter ist die Möglichkeit, dass auch ein Ein-Mann-Unternehmen es sich leisten kann, ein Produkt auf den Markt zu bringen, für welches eben jener Privatmann ansonsten nie das Geld zusammenbekommen hätte – wenn er dafür genug andere Menschen begeistern kann.”

Inzwischen gewinnt man immer mehr den Eindruck, dass Kickstarter zu einer Vorverkaufsplattform verkommt, auf der namhafte Firmen ihr Risiko bei Veröffentlichungen minimieren wollen. Denn Ware, die später wie Blei im Regal liegt, das gibt es bei einer Kickstarterkampagne nicht.

Andererseits mutieren auch die „Backer“ in vielen Fällen von Investoren zu reinen Käufern. Der Fakt, dass jede Investition ins aktuelle Lieblingsprojekt eigentlich Risikokapital ist, wird inzwischen oft übersehen, und sich stattdessen über lange Lieferzeiten, niedrige Gussqualität oder unübersichtliche Kampagnenführung erregt, auch wenn nicht selten der Erfolg (oder Misserfolg) einer kleinen Garagenfirma eben jene Firma höchstselbst am allermeisten überfordert. Der Grundgedanke, dass das Ziel einer Kickstarterkampagne meist die Finanzierung eines Traumes ist, und nicht die Herstellung eines perfekten Produktes (welches mit Produkten namhafter Tabletopfirmen, wenn nicht sogar DER Firma konkurrieren kann), scheint ebenfalls in Vergessenheit zu geraten.

Sicher mag das nicht für alle Kampagnen gelten, noch immer gibt es eine große Anzahl an Kleinstunternehmen und begeisterten Backern, für die das Funding eines Produkts oft schon Lohn genug ist und gute Ideen vor perfekter Umsetzung und Gratismodellen kommen, doch gerade im Bereich Tabletop erkennt man hier Veränderungen.

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Inzwischen finden sich immer mehr Firmen, welche eigentlich solvent genug für den „normalen“ Weg sein sollten, die kickstartern. Und das nicht nur einmal, sondern gerne auch ein zweites und drittes Mal. Natürlich sind diese Hersteller nicht gleich der Darth Vader der freien Wirtschaft, nur weil sie ihre Produkte über Kickstarter finanzieren. Schlussendlich sind selbst die „Großen“ der Branche wie Mantic oder CMON im Vergleich zu Firmen der Bau-, Elektro- oder Autoindustrie geradezu lächerlich klein, und könnten so manches Spiel ohne Kickstarter nicht anbieten oder dieses erst in einigen Jahren und durch das massive Strecken der Neuheiten verwirklichen. Kickstarter bietet hier natürlich handfeste Vorteile: Die Produkte können in einem Durchgang designed, produziert und veröffentlicht werden. Am Ende steht somit immer ein vollständiges Produkt und das Warten auf die nächsten Boxen, die fertigen Regeln oder die nächste Fraktion entfallen.

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Trotzdem muss man den Trend gerade der größeren Anbieter kritisch hinterfragen: Kickstarter senkt das Risiko von Fehlplanung und Missmanagement, da man eben vorher schon weiß wie gut sich das Produkt verkauft, da es ja – de facto –  vor der Produktion bereits bezahlt ist. Leider bedeutet das sinkende Risiko auf Firmenseite ein steigendes Risiko auf Käuferseite. Damit meine ich weniger, dass ein Projekt nach dem Funding doch noch Pleite geht, das gibt es sicher auch (z.B. im Fall des Brettspiels The Doom That Came To Atlantic City), immerhin sind die wenigsten Kleinstunternehmer im Führen eines Unternehmens geübt, es dürfte aber trotzdem die Ausnahme sein. Das eigentliche Risiko liegt meiner Meinung nach anderswo.

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Ist das Projekt gefundet, dann ist es in den meisten Fällen noch weit von einem finalen Auslieferungsstadium entfernt. Nicht selten ist das Projekt durch Stretchgoals auf eine Masse an einzelnen Elementen angeschwollen, die die Firma bei ehrlicher Betrachtung selbst mit viel Geld kaum liefern kann. Dadurch, dass das Veröffentlichungsdatum aber bekannt ist und die Gelder eingesammelt, entsteht Zeitdruck. So besteht die Gefahr, dass die Hemmschwelle sinkt, vielleicht unliebsame Kompromisse oder schlechtere Qualität zu akzeptieren, denn schließlich haben die Abnehmer bereits bezahlt, warten auf ihr Produkt und müssen gleichzeitig nicht durch gute Qualität erneut überzeugt werden. Wie sie nun über eventuelle Veränderungen informiert werden (ob überhaupt), obliegt der jeweiligen Firma selbst. Nicht selten beginnt hier eine anfänglich spannende Kampagne heftig ins Trudeln zu kommen.

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Das Risiko eines Kickstarters liegt somit eher in der großen Kiste, die der Postbote irgendwann vor der Tür abstellt – vielleicht erst Monate nach dem versprochenen Termin. Manchmal befindet sich darin nicht mehr das, für was man eigentlich glaubte, geboten zu haben. Ob es nun das Resticmaterial in Großserie ist, welches bei Sedition Wars: Battle for Alabaster teils für lange Gesichter sorgte, da es nur wenig mit der gewohnten Qualität des Studio McVey zutun hatte und bei weitem nicht mit den Promominiaturen der Crowdfundingkampagne mithalten konnte, die Sisters of Battle von Mantic, die mit dem pompösen Artwork des Kickstarters aber auch gar nichts mehr gemeinsam hatten, oder das gummiartige Figurenmaterial, dass ich schon in mehreren Kickstartern gesehen habe und noch mit Graus aus den Zeiten von AT-43 kenne. Vielleicht sind es am Ende auch nur die Stretchgoals, die sich im Nachhinein als kostengünstig für den Hersteller, aber weitgehend sinnbefreit für den Käufer herausstellen: 50 extra Zombies hier (die man zwar nicht braucht aber – hey! Zombies!) oder dort noch zwei, drei oder fünf Mal Modell X, welches man aber eigentlich auch nur einmal einsetzen kann.

Ein weiterer Umstand lässt bei Kickstarterprodukten in vielen Fällen einen bitteren Beigeschmack: Dadurch, dass in der Kampagne das gesamte Produkt vorgestellt und produziert wird, sind die meisten Kickstarterangebote abgeschlossene Projekte, deren zukünftige Unterstützung von Firmenseite eher fragwürdig ist. Nicht selten verschwinden so auch eigentlich interessante, neue Konzepte in den Schränken der Backer, finden sich weder weitere Spieler, noch bietet der Hersteller eine Perspektive für die Zukunft. In Verbindung mit meist nur rudimentären Regeln (oft zählen Miniaturen mehr als die dazugehörenden Regeln, auch hier sei Sedition Wars noch einmal erwähnt) welche auf dem Feld der Miniaturenproduktion unter Zeitdruck geopfert werden, ist so manches neue Spiel eine reine Totgeburt.

Normalerweise bleibt die Garagenfirma auch nach der Kampagne nur eine Garagenfirma, eine wirkliche Grundlage für langfristigen Spielersupport legt eine Kickstarterkampagne nicht. Somit kann man die Frage stellen, ob die Mechanik des Crowdfundings für langfristigen Spielspaß und Support überhaupt geeignet ist. Meistens sind es nur die Projekte der bereits gewachsenen, bekannten Firmen, die auch nach der abgeschlossenen Kickstarterkampagne weiteren Support versprechen. Ist das wirklich Sinn der Sache?

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Was bleibt somit am Ende vom regelrechten Hype zu halten, den Kickstarter gerade im Bereich der Tabletopspiele ausgelöst hat?

Zuerst einmal ist zu erkennen, dass es heute mehr Tabletops gibt als jemals zuvor. Diesen Umstand, den man als positiv ansehen könnte, sehe ich eher mit gemischten Gefühlen. Unbestreitbar haben Spieler heute mehr Auswahl als je zuvor und können die ungewöhnlichsten Tabletops spielen, von denen man vor einigen Jahren noch nicht einmal geträumt hätte. Die große Anzahl der Spiele macht es andererseits aber schwer, ein Spiel zu finden, das genügend Mitspieler bietet, gerade wenn man dafür mehrere Backer zusammenbringen muss. Nicht selten etablieren sich in der Ungewissheit gerade die Nicht-Kickstarter Spiele, welche immer verfügbar und oft besser (bzw. langfristiger) supportet sind. Dies erkennt man auch auf Messen wie der RPC oder der SPIEL: Die Aussteller dort verlassen sich nur noch in den wenigsten Fällen auf Kickstarterkampagnen alleine. Die ehemalige Kickstarterteilnehmer wie Mantic, Freebooters Fate, Eden oder Godslayer setzen inzwischen wieder schwerpunktmäßig auf ein klassisches Shopangebot und Neuheiten, die nicht erst über Crowdfunding finanziert werden müssen – eine Rückkehr zu Kickstarter natürlich nicht ausgeschlossen. Ob auch GW vielleicht am Ende durch Kickstarter indirekten Zulauf bekommt wäre interessant herauszufinden. Frei nach dem Motto: “Ich finde für nix mehr einen Mitspieler, dann spiele ich halt wieder Warhammer, da gibt es ganz sicher welche!”

Aber auch für Firmen selbst wird es bei Kickstarter auch immer schwerer: Wer nicht mit genialen Ideen, massenhaft Freebies oder Tiefpreisen startet, kann eine Kampagne heute schon fast vergessen. Die Backer sind verwöhnt und das Geld sitzt bei weitem nicht mehr so locker wie noch vor einem Jahr. Schade, denn diesen neuen Anpreisungskampf können kleine Firmen nur selten bestehen. Dazu scheinen die extrem erfolgreichen Kampagnen der Vergangenheit auch seltsame Blüten bei Tabletopfirmen zu treiben. So findet man immer mehr Kickstarter um einzelne Tabletopfraktionen bereits vorhandener Spiele zu finanzieren, Regelbücher oder Erweiterungsbände. Chinchilla Games setzen dieser Entwicklung mit dem Versuch via Kickstarter ein altes Spiel neu anzuschieben aktuell die Krone auf.

Sedition Wars Modelle Kickstarter Dreadball Kickstarter Inhalt Beyond the Gates of Antares Kickstarter 4

Ein Umstand, der nur selten in der Kickstarterdiskussion benannt wird, ist das Problem, dass sich für die Einzelhändler ergibt. Jede Kickstarterkampagne umgeht den Einzelhandel und kann alleine dadurch natürlich günstiger sein als ein Angebot, an dem auch noch der örtliche Händler mitverdienen möchte. Nun kann man argumentieren, dass eine kleine Garagenfirma ja sowieso nicht im Regal der großen deutschen Shops landen würde und daraus ja kein Problem entsteht. Völlig korrekt, doch das große Geld auf Kickstarter machen – wie bereits angesprochen – inzwischen die „großen“ Tabletopfirmen. Wie ich in Gesprächen mit Einzelhändlern erfahren habe, scheint das Problem gerade durch die Kickstarter größerer Firmen empfindlich spürbar zu sein, fließt doch nicht wenig Geld der Tabletopgemeinde inzwischen nicht mehr in die örtlichen Läden, sondern direkt zur Kickstarterplattform. Dass sich die „Händlerversionen“ der Kickstarterprojekte später nur schleppend verkaufen (wie zuletzt bei der ersten Wave von Dreadball deutlich zu merken), ist natürlich klar. Der Markt ist zu diesem Zeitpunkt ja bereits gesättigt!

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Ich sehe den Hype um Kickstarter somit eher kritisch. Dem großen Angebot an Spielen steht der Mangel an Spielern, der oft mangelnde Support nach der Kampagne und die Bezugsschwierigkeiten gegenüber, wenn man den Kickstarter verpasst hat. Auch die Geschäfte der Tabletopshops scheinen betroffen, dies kann ich aber nicht mit Zahlen belegen und das Ganze ist vielleicht weit weniger schlimm als vermittelt (welcher Ladeninhaber hat nicht einen „Früher war alles besser!“-Spruch parat?). Risikominimierung und Zeitdruck auf Seiten der Anbieter sorgt dafür, dass so manches Produkt aus einer Kickstarteraktion vielleicht nicht mit der Sorgfalt entstanden ist, die es erhalten hätte, müsste es sich mit „konventionellen Mitteln“ am Markt behaupten.

Natürlich will ich niemanden davon abhalten seinen Lieblingsanbieter und das Tabletop seines Vertrauens auf Kickstarter zu unterstützen, trotzdem sollte jeder Backer sich darüber im klaren sein, dass Kickstarter nach wie vor – und vielleicht mehr denn je – ein Risikogeschäft sind und es manchmal vielleicht doch Sinn macht, dem erste „Will haben!“-Gedanken zu wiederstehen und auf langfristigere Angebote zurückzugreifen oder sich alleine aus zukünftiger Spielbarkeit auch mal gegen eine Kampagne zu entscheiden. Inzwischen erscheinen die Spiele die in einer Crowdfundingkampagne geboren werden nicht selten später auch regulär im Handel. So mancher Frust der sich auch immer mal wieder hier auf dem Brückenkopf entlädt, könnte man so im Vorfeld vermeiden – und seinem örtlichen Ladeninhaber ein Lächeln ins Gesicht zaubern!

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Über Burkhard

Burkhard, Brückenkopf und TTI Redakteur. Begann mit dem Schädelpass und expandierte auf inzwischen unzählige Systeme. Aktuelle Projekte: KoW Kreuzritter, Wolsung, unzählige Geländeprojekte und eine Auftragsarbeit zu britischen WW2 Fallschirmjägern.
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