Von Würfeln und Warbands

Es war einmal… ein Regelwerk.
In den siebziger Jahren entstand eine Firma namens Games Workshop, der es gelang, die Begriffe “wirtschaftlichen Erfolg” und “Tabletop” unter einen Hut zu bringen. Auch wenn es vielen nicht so scheinen mag: es gab Tabletop VOR Warhammer (staun!). Zumeist befassten sich diese Spiele, die nahezu alle aus England stammten, mit historischen Schlachten, insbesondere der Napoleonischen Ära; doch nach den archäologischen Entdeckungen der Sechziger und Siebziger Jahre in England und der damit verbundenen Faszination wandte man sich immer mehr auch der Antike zu. Spitzenreiter dieser Zeit waren die berühmt-berüchtigten Regelwerke der Wargames Research Group (WRG). In England und in geringerem Maße auch in den USA wird auch heute noch die Tabletop-Szene zu einem überwältigenden Großteil von historischen Spielen dominiert;
Fantasy und Science-Fiction sind nur zwei Spezialgebiete unter vielen, ganz im Gegensatz zur Situation in Deutschland, wo der Markt zu 80-90% von Games Workshop´s Systemen Warhammer und Warhammer 40.000 beherrscht wird. Ein wichtiger Teil der anglo-amerikanischen Tabletop-Szene sind die sogenannten “Wargames Conventions”, die Flohmärkte, Fachhändler, in geringem Maße Turniere und insbesondere sogenannte “Demonstration” und Participation Games” in einer Veranstaltung vereinen. Bei “Demonstration Games” handelt es sich im Endeffekt um “sich bewegende Dioramen”, d.h. Clubs und Spielgruppen bauen zusammen einen Tisch, bemalen die nötigen Armeen und stellen dann auf der Convention eine Schlacht nach, wobei die Besucher zuschauen und im Optimalfall auch Fragen stellen dürfen. Ein “Participation Game” bezieht, wie der Name nahelegt, die Besucher mit ein.

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Einzelne Spieler übernehmen das Kommando über Teile der Armeen. Solch ein Spiel erfordert es natürlich, dass das verwendete Regelwerk entweder allgemein bekannt ist oder so einfach, dass es innerhalb kurzer Zeit begriffen werden kann. Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts bereiteten einige Mitglieder der “alten Garde” Games Workshops´, namentlich Jervis Johnson, die Brüder Michael und Alan Perry, Nigel Stillman u.a. solche “Participation Games” für Conventions vor. Es handelte sich dabei um ein in England sehr beliebtes Thema, Römer gegen britische Kelten; um sowohl neues, “junges Blut” anzuziehen, und um älteren Semestern den einfachen Einstieg zu ermöglichen, beschlossen die Designer, das Warhammer-Regel-werk zu adaptieren. Die erste Fassung war eine relativ unveränderte Variante der damaligen War-hammer Fantasy-Editionen (4te und 5te Edition), für die spezielle Armeelisten geschrieben wurden. Der Erfolg ermutigte die Designer, ein komplettes Regelwerk aus diesen Grundlagen zu entwickeln, zunächst als eigenes Venture, später dann unter dem Dach einer GW-Tochter, “Warhammer Historical Ltd.”. Mittlerweile hat sich WHAB als ein historisches Einsteigersystem etabliert, daß insbesondere Ex-GW-Spieler anzieht, die nach und nach “richtige” Tabletops spielen wollen, ohne die gelegentlich sehr komplizierten speziellen Systeme sofort lernen zu müssen.

Von Würfeln und Warbands

Vom Spiele
WHAB ist im Endeffekt eine modifizierte Version der fünften Edition von Warhammer, die in Deutschland 1996 erschien (die Grundbox mit Bretonen und Ech-senmenschen). “Modifiziert” deshalb, weil es sich in einigen gewichtigen Punkten unterscheidet. Diese möchte ich jetzt nicht en-detail auflisten, da dies müßig wäre. Als Beispiel sei nur genannt, dass Kavallerie mit Ausnahme von ein paar schweren Typen wie Rittern und Kataphrakten (antike Panzerreiter) keine Gliederboni zählen, da vor Entwicklung des Steigbügels die Sturmkavallerie kaum gegen geschlossene Infanterie effektiv war. Ebenso gibt es einige dem normalen Warhammer-Spieler unbekannte Waffen, wie Kontoi (Kavallerie-Piken!), Schleudern etc. Ebenfalls werden dem versierten Spieler die teilweise enormen Punktkosten einzelner Einheiten auffallen. Jedoch sind diese Änderungen allesamt sehr sinnvoll und steigern das “Gefühl” der Armeen und den Spielspaß enorm (es sei denn, man muss mit einer galatischen Warband gegen eine makedonische Phalanx anrennen… unschön, um es mal vorsichtig zu formulieren.). Charaktere sind mit Ausnahmen (Samurai, ne?) eher durchschnittlich und sind primär dazu da, um Armeen zu führen, nicht im Alleingang Feindesheere zu zer-schlagen. Sämtliche Regeln basieren jedoch auf dem vertrauten und bewährten Warhammer-Kernregelwerkund lassen sich deshalb sehr leicht verstehen.
Bis jetzt war es nur notwendig, zwei Errata zu veröffentlichen, was für den soliden Grundgedanken des Spiels spricht.

Ist Warhammer Historical “historisch”?
Eins gleich zu Beginn: Bei WHAB handelt es sich NICHT um ein “echtes” “historical wargame” in dem Sinne, dass es eine dem Forschungsstand entsprechende, exakte Simulation historischer Kriege darstellt. Vielmehr sorgt das Warhammer-System für ein schnelles, aktionsgeladenes Spiel, in dem auch Helden ihren Platz finden, und richtig
eingesetzt die Entscheidung bringen können… man könnte sagen, WHAB ist die Antike à la Hollywood, ohne daß dies negativ gemeint ist. Es sind spannende Gefechte, die hin- und herwogen, wie eine gutchoreographierte Schlachtenszene;
natürlich ist es genau, und die Designer haben sich Mühe gegeben, das Feeling der einzelnen Armeen zu treffen. Dennoch ist ein großes Maß an Recherche in die Entwicklung dieses Spiels getroffen, und die meisten Armeen “fühlen sich richtig an”.

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Vor- und Nachteile
Da es meines Ermessens nicht so viele gibt, hier zuerst die Nachteile: Alle Schwächen des Warhammer-Systems, 5te Edition, sind vorhanden, auch wenn die größte Schwäche, die Powercharaktere, als solche kaum vorhanden sind, und bei historischer Paarung werden die meisten Armeen solche kaum treffen. Was allerdings gelegentlich sauer aufstoßen wird, ist das alte Armeeauswahlsystem nach Prozentwerten; mir gefällt das neue System (der Armeeorganisationspläne) besser, aber ich denke, dass in absehbarer Zeit ein Konvertierungssystem auftauchen wird, und sei es nur als inoffizielle Internet-Publikation.

Als Vorteile stechen einem ins Auge:

– Einsteigerfreundlichkeit. Als Quereinsteiger von Warhammer Fantasy wird man kaum Probleme haben, auch wenn man sich von einigen Konzepten trennen muß. Auch für Neueinsteiger bietet sich das Regelwerk an, da die Grundregeln von Warhammer ja relativ einfach zu verstehen sind.

– Geschmeidigkeit. Okay, es hört sich komisch an, aber das System ist enorm geschmeidig und läuft hervorragend. Meine ganz subjektive Meinung: dies liegt daran, dass sie den Fantasy-Schmonzes rausgelassen haben, der in SÄMTLICHEN bisher erschienenen WHFB-Editionen im besten Falle störend war und im schlimmsten Fall so spielverzerrend, dass man die Partie nach den ersten Spielzügen wegschmeißen konnte. Als Unterpunkt sei noch die Kompatibilität genannt, da man z.B. auch die Mortheim-Regeln für Scharmützel verwenden kann (auch in “Fall of the West” in abgespeckter Form vorhanden).

– GW HAT KEIN WEITERGEHENDES FINANZIELLES INTERESSE AN SONDERREGELN! Außer an den Büchern verdient GW bis jetzt nicht an WHAB, aus dem simplen Grund, dass GW keine historischen Zinnfiguren herstellt. Deshalb werden Armeen nicht der Verkaufszahlen wegen gepusht, sondern höchstens, weil ein Designer die Armee mag (ich sage nur: die Sieben Samurai…). Selbst dann wird die Armeeliste eigentlich nur besser, weil der Autor mehr Mühe hineinsteckt. Dies führt uns gleich zu den nächsten Punkten:

– Divide et Impera, oder: Die Bücher werden zum Teil von unabhängigen Autoren verfasst. Nach meinem Kenntnisstand betraf das bisher die Bücher “Fall of the West” (europäische Spätantike, aka “Der Niedergang des Römischen Reiches”) von John Lambshead, sowie das “Alexander”-Sourcebook von Jeff Jonas. Auch wenn man über den stellenweise etwas arg apsigen Stil Herrn Lambsheads geteilter Meinung sein kann, ist zumindest Jeff Jonas, soweit ich informiert bin, sehr gewissenhaft an die Sache herangegangen und hat ein den großen Erwartungen angemessenes Werk herausgebracht.

– Konkurrenz belebt das Geschäft, oder: “Es gibt kein Monopol in Spanish Harlem… ähm, im “Historischen Figuren”-Geschäft”. Es gibt wortwörtlich DUTZENDE Firmen, die Figuren herstellen, die mit Warhammer Ancients benutzt werden können. Die Qualität ist, da keine dieser Firmen auch nur annähernd die Kapazitäten von GW aufweist, natürlich niedriger als die von GW, bewegt sich aber mittlerweile, was die Marktführer angeht, auf dem Niveau Gws von Anfang der Neunziger Jahre. Die Figuren sind keineswegs schlecht, im Gegenteil. Sie weisen meist nur nicht die Detailfülle von GW-Figuren auf, was aber nicht notwendigerweise ein Nachteil ist; ich kenne einige Leute, die am “Rillenterror” GW´s fast verzweifelt wären, mich eingeschlossen. Weiterhin bewegen sich durch diese Konkurrenz die Preise für historische Figuren auf einem Niveau, das viele GW-geschädigte aufseufzen lassen dürfte (Foundry mal außenvorgelassen, aber die gehören ja einem Ex-GW-Mann). Preise von zwei Euro pro ZINNFIGUR sind nicht ungewöhnlich, obwohl mittlerweile auch hier eine Preissteigerung einsetzt, aber der Durchschnitt liegt bei £1 pro Infanterist und £2 für Reiter, je nach Umrechnungskurs also recht günstig. Wichtig ist zum einen, daß man sich vor dem Kauf umsieht und wirklich Modelle nimmt, die einem gefallen, zum anderen daß man nach Möglichkeit mit Paypal oder Kreditkarte zahlt, da Postanweisungen SCHWEINETEUER sind (allein 15€ Gebühren!). Natürlich bleibt auch der Händler im Inland übrig; als Beispiele für Versandhändler seien hier www.crazy-achmed.com (nur Black Tree Designs-Figuren, und nur auf Bestellung), www.spieleland-hamburg.org (Großes Angebot, aber teilweise extrem lange Lieferzeiten… Monate können vorkommen) sowie www.attic-tabletop.de (einer der besten; leider bis jetzt recht kleines Angebot, aber sehr guter Service) genannt. Ebenso bietet sich an, eine der wenigen Conventions im deutschen Raum zu besuchen, als da wären die Action des Rheindahlen Wargames Club, die immer am letzten Märzwochenende im JHQ Rheindahlen bei Mönchengladbach stattfindet, sowie die DUZI am zweiten Oktoberwochenende in der Niederrheinhalle zu Wesel. Die Spiel in Essen hatte in den letzten Jahren etwas in der Richtung zu bieten, aber 2003 hab ich bis auf ein Buch NIX (und das mein ich wörtlich) zum Thema historische TTGs gekriegt. Hier noch als Tip: um das System mal als Einsteiger zu testen, bieten sich Plastik figuren in 1/72 an; gerade von Zvezda, Italeri und Revell ist in den letzten Jahren da einiges zu enorm günstigen Preisen herausgekommen, auch wenn damit die bekannten Nachteile des Materials Weichplastik einhergehen.

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Zusammenfassung und Ausblick
Abschließend möchte ich sagen, daß Warhammer Ancient Battles eines der besten Spiele ist, die GW in den letzten Jahren herausgebracht hat. Hervorragende Regeln, gut produziert, sehr schöne Präsentation… eigentlich ist an den Büchern kaum etwas zu bemängeln. Ich möchte jedem, der sich für historisches Tabletop interessiert, WHAB als Einsteigersystem für Antike bis Mittelalter nahe legen. Im folgenden liste ich noch einige nützliche Web-Adressen auf, die dem interessierten Leser weiterhelfen können.

LINKS
http://theminiaturespage.com : Hierbei handelt es sich um ein News-Seite mit angeschlossenen Diskussionsboards. Spitzenqualität, sowohl was die Nachrichten als auch die durchschnittliche Qualität der Boards angeht. Ebenso gibt es auf dieser Seite einen sehr umfangreichen Herstellerindex, mit E-mail und Webadressen einschlägiger Anbieter.
http://www.wargamesjournal.com : Ein Internet-Zine. Hervorragende Qualität sowohl der Fotos als auch der Artikel. Bastelideen sowie Szenarien, auch für WHAB.
http://de.groups.yahoo.com/group/WAB_deutschland/ : DIE deutsche Diskussionsgruppe zum Thema Warhammer Ancient Battles.
http://www.warhammer-historical.com : Die offizielle WHAB-Seite. News, Infos und eine Liste der bisher publizierten Bücher im typischen GW-Stil.

BÜCHER
Warhammer Ancient Battles:
Das Grundregelwerk. Beinhaltet Armeelisten für die Römische Armee 100 v.C. bis 200 n.C. sowie eine generische Barbaren-Armeeliste. In der aktuallisierten Version 2 sind einige Armeelisten aus Armies of Antiquity im Appendix zu finden.

Armies of Antiquity:
Armeelisten von der Bronzezeit bis zum Hochmittelalter.

Chariot Wars:
Biblische Armeen von 3000 v.Chr. bis 500 v.Chr.

Fall of The West:
Der Niedergang des Römischen Reiches, auch bekannt als Spätantike.

Shieldwall:
Die Zeit der “Dark Ages”, d.i. Spätantike bis Frühmittelalter, inkl. Wikinger und Karl der Große.

El Cid:
Die Zeit der Reconquista, also der Kampf der Spanier gegen die Mauren. English Civil War: Wie der Name schon sagt, die Zeit des Englischen Bürgerkriegs, aber mit Abwandlungen auch für z.B. den 30jährigen Krieg zu verwenden (Mitte 17.Jhdt.) Alexander: Die Zeit Alexanders und der Diadochenkönigreiche (4.-2. Jahrhundert vor Christus)

(Original von Christian Andreas Steimel)

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Über Dennis

SiamTiger / Dennis, Stellvetr. Chefredakteur von Brückenkopf Online. Seit 1996 im Hobby. Erstes Tabletop Blood Bowl. Aktuelle Projekte: http://www.chaosbunker.de/
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